Freeliner EVO III Testbericht im Magazin REHATREFF

Freeliner EVO III Testbericht im Magazin REHATREFF
Test Freeliner Air 45 (Evo 111) - Keine Angst mehr vor dem Alt
werden.
Was für ein Erlebnis! In meiner Eigenschaft als amtlich anerkannter
Crash-Test-Dummyfür Beinprothesen und deren Passteile habe ich
ja schon so einiges erlebt. Ein völlig neues Kapitel in Sachen
Mobilität durfte ich jetzt beim Test dieses Hightech-ElektroDreirades erleben.
Der Freeliner – immerhin bereits die
dritte Generation – ist ein 1,56 Meter langer und 64 Zentimeter breiter Beitrag zur
Mikromobilität auf drei Rädern – aber
nicht irgendeiner.
Bereits die Grundzutaten lassen aufhorchen. Stahlrohrrahmen mit Luftfederfahrwerk und 13 Zentimeter Bodenfreiheit,
zwei grobstollige Räder hinten, jedes mit
eigenem Motor, ein einzelnes großes Rad
vorn, ein tief im Boden versenkter, herausnehmbarer Akku, Scheibenbremsen
rundum …. Merken Sie etwas? Das sind
nicht einfach Zutaten für einen rollenden
Seniorenhocker mit großer Reichweite.
Hier wurde von Anfang an eine echte
Fahrmaschine konzipiert!
Der Wolf im Schafspelz wird in verschiedenen Ausbaustufen angeboten: vom
Krankenfahrstuhl mit sechs oder 15 Stundenkilometern über eine freie 20 Stundenkilometer-Variante bis hin zum
Kleinkraftrad mit Straßenzulassung, 45
Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit, Helm- und Führerscheinpflicht ist
alles verfügbar. Raten Sie mal, welches
Modell ich mir zum Testen habe geben
lassen.
Der Freeliner ist mir nicht ganz unbekannt. Das erste Modell wurde von
Schweizer Ingenieuren für den Einsatz in
deren bergiger Heimat konzipiert und
2009 auf den Markt gebracht. Heute kann
der Freeliner ohne weiteres 20 Prozent
Steigung bewältigen. 2017 hat ein einseitig
oberschenkelamputierter Kollege aus
Sachsen, den ich in meiner Eigenschaft als
Prothesengebrauchstrainer begleiten darf
und der seine Beinprothese gut beherrscht, ein solches Gefährt von seiner
zuständigen Berufsgenossenschaft als
Kostenträger im Zuge der sozialen Teilhabe zugesprochen bekommen: Er kann
wegen der „Schaufensterkrankheit“ und
seines nur eingeschränkt belastbaren
Sprunggelenks keine längeren Wegstrecken insbesondere in seinem bergigen
Wohnumfeld bewältigen. Den Impuls für
das Beschäftigen mit dem Freeliner hat er
seinerzeit aus einer Werbeanzeige im
Rehatreff erhalten. Er sagt: „Begeisterung pur! Das ist das Richtige für mich, da
kann ich zusammen mit meiner Frau
Fahrradtouren unternehmen, und in Einkaufspassagen kann ich damit bei Bedarf
auch fahren.“ Ein einziges Gerät, mit dem
man sowohl in Einkaufspassagen flanieren als auch gleichzeitig bei Fahrradtouren mithalten kann? Ich hatte seine
Begeisterung zur Kenntnis genommen,
aber den Freeliner seither nicht weiterverfolgt.
Mein Test begann in Karlsruhe, wo ich in
den Räumlichkeiten von OrangeBikeConcept GmbH mit dem Freeliner vertraut
gemacht wurde. Das 2006 gegründete
1Unternehmen ist dem Ursprung nach
ein Ingenieurbüro und hat sich auf
Elektro-Leichtfahrzeuge spezialisiert. Völlig folgerichtig betrete ich einen Showroom mit den unterschiedlichsten
Elektrofahrrädern und sonstigen ElektroLeichtfahrzeugen – der Freeliner ist hier
nur eines von vielen Fortbewegungsmitteln. Anhand meiner Wünsche und der
durchaus üppigen Optionsliste stellten wir
ein Exemplar für mich zusammen, montierten es umgehend (das hat keine Stunde
gedauert!) und schon ging es in die
Gebrauchseinweisung.
Da ich ja meine Fahrerlaubnisklassen für
Motorräder, PKW und Leicht-LKW erst
kürzlich habe amtlich bestätigen lassen
(s. Rehatreff 4/24 bis 2/25), durfte ich auf
die höchste Ausbaustufe (Kleinkraftrad mit
45 km/h) zurückgreifen. Zusammen mit
Schalensitz, coolen Extra-Fußrasten und
einem wetterfesten Alukoffer hinten durfte
ich lernen, den insgesamt 5,4 PS starken
Hocker artgerecht zu bewegen. Zuerst
wurden Sitz und Lenker auf meine Größe
eingestellt, dann Grundsätzliches wie
Laden des Akkus und Einschalten über das
Zündschloss geübt. Die Bedienung des
Freeliners erfolgt ähnlich wie beim Motorrad über die Griffe des Lenkers: Vorderund Hinterradbremshebel mit Feststellfunktion, Hupe, Blinker sowie eine Taste
für den Rückwärtsgang sind zu finden. Ein
Tastenfeld zum Einstellen von Leistungsstufe und Fahrmodus sowie der Tempomat, das Fernlicht und der Warnblinker
und die Schiebetaste (falls man das Gerät
neben sich herschieben möchte) ist gut
erreichbar auf der linken Seite angebracht.
In der Mitte des Lenkers ist ein Display verbaut, das Auskunft über Betriebszustand,
Geschwindigkeit, Akkukapazität und weiteres gibt. Kleines Schmankerl: Eine USBLadebuchse ist auch vorhanden. Wir leben
ja in modernen Zeiten.
Auf Nachfrage hin bestätigt mir Steffen
Kloiber, Geschäftsführer der eMotion42
GmbH, dass auch vielfältige individuelle
Umbauten, zum Beispiel auf Einhandbedienung, möglich sind. Das ist für meine
Tätigkeit als Prothesengebrauchstrainer
nicht ganz unwichtig, weil ich zunehmend
auch mehrfach amputierte Menschen trainiere- und darunter befinden sich
auch Armamputierte.
Das Fahren ist am Anfang gar nicht so
einfach, denn das enorm weit einschlagbare Vorderrad und die schmale Spurbreite, die einem das feine Manövrieren in
engen Bereichen erlaubt, verlangen schon
ein wenig Vorsicht beim Kurvenfahren.
Das ist so ein bisschen wie beim Fahren
mit Motorrad und Beiwagen: Man muss
sich in schneller gefahrenen Kurven ordentlich mit dem Oberkörper mitbewegen, sonst ist man nur noch mit zwei
Rädern auf dem Boden – was übrigens
sehr sportlich aussieht! Um sich immer situationsgerecht fortbewegen zu können,
wird der Vortrieb in insgesamt fünf Fahrstufen unterteilt: Von Stufe 1 („Kaufhausmodus“ mit butterweichem Anfahren
und sanfter Geschwindigkeitsveränderung) bis Stufe 5 („volles Rohr!“ mit
brachialer Beschleunigung, bissigem
Durchzug und 45 km/h Höchstgeschwindigkeit).
Wir bewegen uns sofort in Richtung
eines nahen gelegenen Getreidefeldes, wo
ich kompromisslos mit den Geländeeigenschaften des Freeliners Bekanntschaft
mache. Mein anfängliches Erstaunen über
die Hemmungslosigkeit, mit der der Freeliner auf dem Acker bewegt werden kann,
weicht binnen Minuten der Freude, hier
etwas ganz anderes pilotieren zu können,
als man von einem handelsüblichen Elektor-Scooter erwarten darf. Schließlich ist
das äußere Erscheinungsbild einem
klassischen Seniorenroller auf den ersten
Blick nicht unähnlich, aber bei genauerer
Betrachtung liegen Welten zwischen
diesen Beispielen der Mikromobilität.
Ich nehme das Ladegerät, die Papiere und
ein wenig Infomaterial entgegen und verstaue den Freeliner in meinem Kombi.
Das geht ganz gut, da der Koffer hinten
mit einem Handgriff zu entfernen ist und
die Lenksäule sich mittels Schnellverschluss einfach umklappen lässt. Lediglich
das Anheben erfordert eine weitere Person, da der Freeliner mit 68 Kilogramm
Gewicht allein nur schwer in das Auto zu
bewegen ist, ohne Kratzer an der Ladekante zu hinterlassen.
Zu Hause lerne ich schnell die Vorzüge
eines immer sofort einsatzfähigen Kleinstfahrzeugs zum Einkaufen, zum Arztbesuch oder auch zum Fahren zur Werkstatt
schätzen. Einfach Helm aufsetzen, Zündschlüssel drehen und ab geht die Post! Das
schnelle Bewältigen von Wegstrecken, die
unfassbare Wendigkeit durch das einzelne
Vorderrad in engeren Situationen, der
geringe Platzbedarf zum Beispiel in Aufzügen und die mit 120 Kilometern
enorme Reichweite machen das Bewegen
im erweiterten Wohnumfeld zu einem
Genuss. Theoretisch könnte ich mir einen
Wechselakku zulegen, mit dem ich dann
bis zu 240 Kilometer Reichweite hätte.
Damit könnte ich, ohne nachzuladen, von
Berlin bis zur Ostsee fahren.
Aber Achtung: Der Spaß wird auf
schlechten Wegstrecken getrübt. Der
kurze Radstand und die schmale Spur
bügeln nun einmal Holperstrecken oder
Kopfsteinpflaster nicht so gut weg. Als
Kleinkraftrad darf ich nur auf Straßen
fahren. Bei einer Überlandfahrt zur Autowerkstatt, wo ich meinen Wagen von einer Reparatur abgeholt habe, war es auf den
deutlich seitengeneigten Rändern der
Landstraßedann schon ein wenig abenteuerlich, schnell zu fahren. Aber: Auch
das hat funktioniert!
Dennoch: das Bewältigen kurzer
Strecken sowie das Bewegen im Wohnund Arbeitsumfeld kann sehr gut durch
die Beinprothese(n) ermöglicht, das
Durchmessen längerer Wegstrecken (am
besten mit den zu transportierenden
Einkäufen) kann leidensgerecht mit dem
Freeliner gewährleistet werden.
Ganz ehrlich? Seitdem ich dieses Gefährt
kenne, habe ich keine Angst mehr vor’m
Alt werden! Dieses Gerät ist enorm vielseitig, kann von lammfromm bis giftig, ist
ausdauernd und hinterlässt bei mir einen
unfassbar robusten Eindruck. Aus der
Perspektive des beinamputierten Menschen ist es eine hervorragende Ergänzung zur Sicherstellung der individuellen
Mobilität mit Prothese. Redakteur: Michael Kramer





